Ausgehend von der Beobachtung, dass der „Osten“ verstärkt als kulturelle, ästhetische und politische Projektionsfläche dient, thematisiert das mehrteilige Ausstellungs-, Diskurs- und Publikationsprojekt Projektionen auf den Osten die ideologischen Zuschreibungen, die sich an die Begriffe „Ost“ und „West“ knüpfen.
Eröffnung:
9. September 2026, 18 Uhr (n.b.k. & Schinkel Pavillon)
Laufzeit:
10. September – 8. November 2026 (n.b.k.) 10. September – 20. Dezember (Schinkel Pavillon)
Internationale Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Autor*innen setzen sich mit historischen und gegenwärtigen Konfliktlinien auseinander – von der DDR-Erinnerungspolitik über Antisemitismus und postsozialistische Transformationen bis hin zu aktuellen geopolitischen Spannungen. Im Zentrum steht die Frage, wie die Dichotomie von „Ost“ und „West“ unsere Gegenwart strukturiert. Der „Osten“ ist nicht nur eine geografische Bezeichnung. Er nimmt als Chiffre auch die Rolle einer kulturellen und politischen Projektionsfläche ein, auf die sich sehr unterschiedliche Vorstellungen richten: Er gilt als Gegenbild zum „Westen“ oder als Ort einer vermeintlich ursprünglicheren und unverstellten Identität. Zugleich ist er Schauplatz realer historischer und gegenwärtiger Konflikte. Projektionen auf den Osten nimmt dieses Verhältnis aus Zuschreibungen und Realitäten zum Ausgangspunkt und thematisiert einen idealisierten „Osten“ als kulturellen Gegenentwurf zu einem hegemonialen „Westen“.
„Projektionen auf den Osten“ bezeichnen kulturelle Identifikationen mit allem, was als Gegenbild zum „Westen“ erscheint. Sie richten sich gegen eine als komplex, plural und modern wahrgenommene Gegenwart und verbinden sich mit Vorstellungen von Ursprünglichkeit, Gemeinschaft, Spiritualität oder moralischer Überlegenheit. Im deutschen Kontext hat das zwiespältige Verhältnis von „Ost“ und „West“ kulturhistorisch immer wieder zu großen Identitätskrisen geführt. Aber auch global dient der „Osten“ zunehmend als gegenkulturelle Projektionsfläche. Traditionelle Kulturvorstellungen, nationale Souveränität und autoritäre Staatsformen werden liberalen Demokratien als vermeintlich stärkere und authentischere Alternativen entgegengesetzt. So wird der „Osten“ zu einer kulturellen Konstruktion. Auf ihn werden Ideologien, Sehnsüchte und Utopien projiziert, die häufig mehr über diejenigen erzählen, die sie hervorbringen, als über den „Osten“ selbst. Solche Projektionen überlagern oft die tatsächlichen Konflikte, die sie eigentlich sichtbar machen könnten. Wer sich etwa auf autoritäre gesellschaftliche Ordnungen beruft, in denen Widersprüche nicht öffentlich verhandelt werden, verwechselt leicht die Abwesenheit von Debatte mit der Abwesenheit von Konflikt. Besonders deutlich wird dies an konkurrierenden Vorstellungen von Freiheit: Während die einen im „Osten“ eine Alternative zu einer als zu tolerant und offen empfundenen „westlichen“ Ordnung suchen, gilt anderen der „Westen“ selbst als eigentlicher Hort der Unfreiheit. In beiden Fällen entsteht ein idealisiertes Bild, das den „Osten“ weniger beschreibt denn erfindet.
Die Ausstellungen im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) und im Schinkel Pavillon untersuchen, wie sich diese Projektionen in Bilder, Sprache und ästhetische Formen einschreiben und welche politischen Folgen sie entfalten können. Im realpolitischen Raum materialisieren sie sich in Machtverhältnissen, territorialen Ansprüchen und gewaltsamen Konflikten. Gerade Kriege und geopolitische Krisen zeigen, wie starre Vorstellungen die Wahrnehmung bestimmen sowie politische Wirklichkeit hervorbringen und legitimieren. Der n.b.k. und der Schinkel Pavillon präsentieren historische und zeitgenössische Kunstwerke sowie eigens für das Projekt entwickelte Neuproduktionen. Internationale Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Autor*innen setzen sich mit historischen und gegenwärtigen Konfliktlinien auseinander – von der Erinnerungspolitik der DDR über Antisemitismus und postsozialistische Transformationen bis hin zu aktuellen geopolitischen Spannungen. Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler befragen den „Osten“ als eine Projektionsfigur, in der sich Identität, Geschichte und politische Ordnung verdichten. Ihre Arbeiten untersuchen auf unterschiedliche Weise, wie Bilder, Sprache und Ästhetik an der Konstruktion von „Ost“ und „West“ mitwirken. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Dichotomie unsere Gegenwart bis heute strukturiert. Nicht zuletzt richten die Ausstellungen den Blick auf die Kunst selbst: Auch sie ist nicht frei von Projektionen und Idealisierungen. Wo verläuft die Grenze zwischen Kritik und Sehnsucht, zwischen Widerstand und Romantisierung? Und was wird sichtbar, wenn wir nicht nur auf den „Osten“ blicken, sondern die Projektionen selbst zum Gegenstand machen?
Begleitend zu zwei Ausstellungen im n.b.k. und im Schinkel Pavillon führen eine Publikation sowie eine Projektwebseite die künstlerischen Positionen, Forschungsperspektiven und Diskursbeiträge zusammen. Ein umfangreiches Diskursprogramm vertieft die inhaltlichen Fragestellungen zusätzlich.
mit, Anca Benera & Arnold Estefán, Pavel Brăila, Ana Hoffner ex-Prvulovic*, Maksym Khodak, KwieKulik, Helmar Lerski, Maria Lisogorskaya, Shlomo Pozner, Xavier Robles de Medina, Maya Schweizer, Andrzej Steinbach, Gabriele Stötzer, Hito Steyerl, Mikhail Tolmachev, Jasmin Werner und Anastasiya Yarovenko.
Projektionen auf den Osten ist ein Projekt des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) in Kooperation mit dem Schinkel Pavillon, konzipiert von Fabian Bechtle und Leon Kahane.
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
